Forschung zeigt: Großeltern haben etwas, das kein Smartphone ersetzen kann – aber kaum jemand nutzt es

Viele Großeltern kennen dieses Gefühl: Du freust dich auf den Besuch der Enkelkinder, backst vielleicht sogar ihren Lieblingskuchen – und dann sitzen die Jugendlichen am Tisch, Blick auf den Bildschirm gesenkt, Kopfhörer im Ohr. Ein kurzes „Hm“ als Antwort auf deine liebevoll gestellte Frage, wie es in der Schule war. Und dann wieder Stille, die sich wie eine Wand anfühlt.

Dieses Bild ist kein Einzelfall. Laut einer Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) aus dem Jahr 2023 verbringen Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren täglich durchschnittlich über vier Stunden mit ihrem Smartphone – ein Trend, den auch die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest regelmäßig dokumentiert. Was für Eltern schon herausfordernd ist, kann für dich als Großeltern besonders schmerzhaft sein: Du hast weniger Zeit mit den Enkeln, die Begegnungen sind kostbarer, und der emotionale Abstand trifft umso tiefer.

Warum Jugendliche sich zurückziehen – und was das wirklich bedeutet

Bevor du nach Lösungen suchst, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das, was hinter dem Verhalten steckt. Jugendliche, die sich in digitale Welten zurückziehen, suchen nicht zwangsläufig nach Ablenkung vom Familienleben. Sie befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der Gleichaltrige und soziale Zugehörigkeit an erster Stelle stehen – ein Befund, der durch jahrzehntelange entwicklungspsychologische Forschung gut belegt ist. Soziale Netzwerke und Videospiele sind für sie kein bloßer Zeitvertreib: Sie sind soziale Räume, in denen Identitäten geformt, Freundschaften gepflegt und Zugehörigkeit gespürt werden.

Das bedeutet nicht, dass du als Großeltern unwichtig bist. Es bedeutet, dass Jugendliche andere Sprachen sprechen – und dass du lernen kannst, ein paar Worte davon zu verstehen.

Der häufigste Fehler: Konfrontation statt Verbindung

Der Impuls ist verständlich: Du möchtest das Handy weglegen sehen, möchtest in die Augen deines Enkels schauen und ein echtes Gespräch führen. Doch wer Druck aufbaut oder das Gerät direkt kritisiert, riskiert genau das Gegenteil. Jugendliche reagieren auf Kritik an ihrer digitalen Welt oft defensiv – weil sie sich in ihrer Identität angegriffen fühlen.

Ein Satz wie „Schau mal nicht immer aufs Handy“ klingt harmlos, sendet aber die Botschaft: Was du machst, ist falsch. Und wer sich ständig falsch fühlt, zieht sich weiter zurück.

Was hingegen funktioniert: echtes Interesse zeigen. Nicht gespieltes, nicht erzwungenes – sondern tatsächliche Neugier. „Was spielst du da gerade?“ oder „Welche App nutzt du am meisten?“ können kleine Türen öffnen. Es geht nicht darum, alles gut zu finden, sondern darum, zuzuhören.

Konkrete Wege, die wirklich funktionieren

Gemeinsam statt gegeneinander

Anstatt die digitale Welt als Feind zu betrachten, kannst du sie als Brücke nutzen. Gibt es ein Spiel, das ihr gemeinsam ausprobieren könntet? Einen Film auf einer Streamingplattform, den dein Enkel empfehlen würde? Viele Jugendliche öffnen sich sofort, wenn sie das Gefühl haben, ihr Interesse wird ernst genommen und nicht belächelt.

Analoge Erlebnisse neu verpacken

Nicht jede gemeinsame Aktivität muss mit Smartphones konkurrieren. Aber sie muss relevant sein. Ein Spaziergang mit dem Angebot, unterwegs Fotos für den Instagram-Account deines Enkels zu machen, ist ein anderes Angebot als ein Spaziergang, der nach Pflicht klingt. Der Inhalt ist derselbe – der Rahmen entscheidet.

Grenzen respektieren, ohne sie aufzugeben

Es ist vollkommen legitim, beim gemeinsamen Essen handyfreie Zeit zu wünschen. Aber das funktioniert nur, wenn es als gemeinsame Vereinbarung kommuniziert wird – nicht als Regel von oben. „Darf ich vorschlagen, dass wir beim Essen das Handy weglegen, damit wir uns wirklich unterhalten können?“ ist eine Einladung. Ein genervtes „Leg das Handy weg“ ist eine Konfrontation.

Eigene Medienkompetenz stärken

Wer verstehen will, was Jugendliche fasziniert, muss sich nicht zum TikTok-Profi entwickeln. Aber ein grundlegendes Verständnis davon, was soziale Netzwerke bieten und warum Videospiele so anziehend sind, verändert die Perspektive. Die Volkshochschulen vieler Städte bieten mittlerweile Digitalkurse speziell für Senioren an – nicht um jung zu wirken, sondern um näher zu sein.

Was Großeltern haben, was niemand sonst hat

Du als Großeltern besitzt etwas, das kein Smartphone der Welt ersetzen kann – Zeit, Geduld und eine Art von bedingungsloser Zuneigung, die sich von der elterlichen unterscheidet. Du bist nicht im Erziehungsstress, du musst nicht auf Schulnoten schauen oder Hausaufgaben kontrollieren. Du kannst einfach da sein.

Forschungsergebnisse aus der Gerontologie zeigen, dass Jugendliche, die eine enge Beziehung zu ihren Großeltern pflegen, widerstandsfähiger gegenüber sozialem Druck sind und ein stärkeres Gefühl für ihre eigene Geschichte entwickeln – ein Befund, den unter anderem Reitzes und Mutran im Journal of Gerontology dokumentiert haben. Die Bindung wirkt – auch wenn sie sich durch Bildschirme kämpfen muss.

Das Handy ist eine Realität dieser Generation. Großeltern, die bereit sind, sich auf diese Realität einzulassen, ohne ihre eigenen Werte aufzugeben, werden feststellen, dass die Verbindung zu den Enkeln nicht verloren ist. Sie wartet nur auf den richtigen Moment, um aufzublühen.

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